Samstag, 9. Januar 2010

Außergewöhnlich versöhnlich

Entschuldigung!

Dem letzten Blogeintrag nach zu schließen, kann mir die ganze Welt mal den Buckel runterrutschen. Metaphorisch hab ich da auch gar nichts gegen einzuwenden, wollte aber doch noch mal verlauten lassen, dass ich euch alle furchtbar lieb habe, glücklich bin wieder da zu sein und überhaupt alles irgendwie gut zu sein scheint. Allen bekannten und anonymen Lesern danke ich für die Komplimente; schaut ruhig ab und an mal hier vorbei, vielleicht gibts ja immer mal was Neues. Who knows?

Friede, Freude, Eiersalat!

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Aufklärung

Na Bonjour allerseits und einen gemütlichen Jahreseinstand!

Es steht nunmehr in meiner Macht auch den letzten verbliebenen Lesern die Kunde zu überbringen, dass der sich selbst als "Landstreicher" hochstilisierende Verfasser längst wieder unter den (mehr oder weniger) Sesshaften und vor allem Beheimateten weilt. Soll heißen: Seit gut einer Woche bin ich zurück im [ergänze passendes Adjektiv] Wuppertal, zurück (fürs erste jedenfalls) in der elterlichen Heimstatt.
Was bleibt sind Vorwürfe von langweiligen Daheimgebliebenen, ich hätte nicht geschafft, was ich wollte, was ich versprochen hätte (wem auch immer...) und meine überhebliche Arroganz ebendiesen Menschen gegenüber. Denn seltsamerweise war kein einziger von ihnen dabei als ich in Straßengraben schlief, Tag für Tag den beschissenen Rucksack schulterte und mir das Leben in unserer Bundesrepublk aus einer anderen Sicht betrachtete.

Nun bin ich zurück, aus guten Gründen, die leider mehr Platz und Zeit einfordern, als ich im Moment erübrigen kann. Nun erwartet ein gewisser Prozentsatz der Daheimgebliebenen Weisheiten messianischen Ausmaßes, mit denen ich leider nicht dienen kann.

Ich habe einiges gelernt und über eine Menge Sachen ordentlich nachgedacht. Wer meint, er wolle die Welt sehen, der möge nach Witten fahren und lernen, dass wir so oder so alle auf dem gleichen Planeten abhängen. Die Entfernung von unserer sogenannten Heimat spielt in der Fremde keine Rolle. Und so sei jedem einzelnen ans Herz gelegt, dass, egal was passiert und in welcher ach so komplizierten Lebensphase man sich befindet, es nie zu spät ist, fortzugehen. Natürlich, mit der Dauer des Lebens wachsen die Dinge, die einen binden und von denen man meint, sie würden benötigt, ins Unermessliche. Das Festhalten an ebensolchen Bindungen darf aber nie nie nie auf Kosten des persönlichen Glückes gehen. Man lebt nur einmal und dann ist man tot.

Bis irgendwann mal

Euer Erleuchteter

Dienstag, 24. November 2009

Ab aufs Land

Aufgrund der bereits im letzten Beitrag beschriebenen Witterungsbedingungen hab ich keine Lust auf die Wanderei im Moment. Leben, Atmen, Schlafen muss ich alles aber trotzdem. Ab heute mach ich das in Jeeser, einem kleinen Dörfchen vor Greifswald, wo zwei verstrahlte Alt-Hippies in ihrem besetzten Waldschlößchen einen Riesen-Bücherflohmarkt etabliert haben und mich kostenlos aufnehmen. Ich helfe dafür beim Büchersortieren, im Moment die Reiseliteratur nach Ländern. Gleich mach ich mich auf den Weg dorthin, mit Sack und Pack. Ich ziehe sozusagen mal wieder um. Mal sehen für wie lange. Hauptsache, es wird lustig.

Passt auf Euch auf. Fröhliche Weihnachten!

Dienstag, 10. November 2009

Gruß aus Greifswald!

Meine Damen, meine Herren!

Wieder ist einiges passiert seit dem letzten Eintrag. Letzte Woche ging meine schöne, lange Zeit in Leipzig bei Max, Max und Florian zu Ende. Die Zeit also, die nicht nur für Straßenmusik und gemeinsamen Austausch stand, sondern auch für Fernsehen gucken, herumhängen und lecker Essen. Ist auch schön, also hab ich kein besonders schlechtes Gewissen.
Bezugnahme auf: Straßenmusik. Wer die Kommentare hier liest, hats schon gefunden, ein Video, wo ich drinne vorkomm. Das folgende Video spielt also im schönen Leipzig, handelt von einem Filmfestival in Leipzig und beinhaltet mich auf der Straße mit Gitarre (samt gerissener Saite!), wie ich künstlerisch minderwertig einen lächerlichen Singsang für dieses Festival anstimmen. Und das alles um 5 Euro zu bekommen. Das war aber sehr gut, denn ich konnte mir so neue Saiten kaufen. Und es könnte sein, dass mehr Menschen meinen Blog lesen. Das würde mich auch freuen. Ist ja auch egal, im Folgenden nun besagtes Video, ab ca. 3:05 findet ihr meinen kleinen Gastauftritt.



Am 4. November also raffe ich mich auf und verlasse Leipzig mit dem Ziel Greifswald. Ich fühle mich wie aus einer Lethargie erwachend. Das Soma, der Cocktail aus den gemeinhin beliebten Erzeugnissen von Nahrungsmittel-, Genussmittel- und Medienindustrie hat mich wieder porös werden lassen.
Ich fahre zunächst mit dem öffentlichen Nahverkehr bis ungefähr Sandhausen, nördlich von Leipzig und steige mit dem Rucksack auf dem Rücken aus dem Bus. Es geht also wieder auf Wanderschaft, diesmal unter erschwerten Bedingungen. Nass ists und vor allem kalt.
Am Stadtausgang von Leipzig hab ich endlich die Muße, die Gitarrentasche wieder ordentlich hinten auf dem Rucksack zu verschnüren. So hab ich wenigstens die Hände frei, auch wenn die Tasche jetzt gewichtsmäßig unvorteilhaft meinen Rücken beeinträchtigt.
Beim Schnüren des guten alten Pakets merke ich nicht nur, dass ich vergessen habe, Brot zu kaufen, nein, es fehlt noch etwas anderes Essenzielles. Klopapier! Hm. Ich wollte sowieso Muskelaufbau betreiben, dann fang ich eben beim Schließmuskel an.
Ich laufe weiter.
Um viertel vor 4 mache ich Pause in einem Pausemachdach. So nenne ich die kleinen Wandererpavillons, die, ihr wisst schon, aus einem Stück Holz geschnitzt zu sein scheinen und mit Dach, Bank und Tisch die nötigsten Eigenschaften eines Unterschlups aufweisen. Dummerweise habe ich Blick auf eine Familie, die gerade mit dem Aus- oder Umbau der Einfahrt beschäftigt ist. Vater und Sohn schleppen Steine von A nach B und die dicke Ehefrau kommt vom Tierarzt, schlägt den Hund und brüllt die mähenden Schafe an: "Halt die Fresse, sonst...!"

Immer wieder bekommt man beim Wandern durch Deutschland das Gefühl, man wandere durch ein Warenhaus für Statisten bei der Supernanny.

Die Landschaft, durch die es mich trägt (besser gesagt, durch die ich mich und meinen Rucksack schleppe), ist herbstlich, dreckig, nass und grau. Wenn Fassaden zu Stimmungslagen fähig wären, so müsste die korrekte Gefühlslage der Architektur in diesem Landstrich als mindestens "pessimistisch" beschrieben werden. Aber die herbstliche Stimmung macht eben auch nicht Halt vor dem Betrachter selbst, also ist die melancholische Metaphorik mit Vorsicht zu genießen.

Kurz vor 5: Es wird irgendwie ganz schön dunkel. Ich suche vor dem Regen Schutz in einem dieser Spielhäuser auf einem Spielplatz und während ich da so sitze und Schutz suche, wird es dermaßen schnell dermaßen dunkel, dass ich beginne, mich mit dem Gedanken abzufinden, in ebendiesem Spielhaus zu nächtigen.
Dieser Versuch wird gegen 20 Uhr aufgegeben.
Ich wandere weiter, diesmal in völliger Dunkelheit. Gegen 21 Uhr erreiche ich Lindenhayn, wo ich auf dem Marktplatz herumhänge und die hochgeklappten Bürgersteige im nebligen Schein der Straßenlaternen betrachte.

Schlußendlich schlafe ich direkt an der B2, auf dem Gras, unter einem Busch. Zack, Bumm, ich schlafe.

Der nächste Tag ist ein Donnerstag. Als ich erwache, ist mir seltsam kalt und ich bin überzogen von einer geruchsarmen, nass-kühlen Flüssigkeit. Ich denke zunächst an Entführung, Außerirdische oder die Bilderberger, doch langsam verstehe ich, dass es eine schlechte Idee war, ohne Zelt Anfang November unter einem Busch zu übernachten.
Stehe auf, wandere weiter und finde mich schließlich hungrig, den Schließmuskel trainierend, aber annehmbar wach, verträumt im Schneidersitz sitzend auf dem Parkplatz der Kiesgrube Brösen.

Gegen 10 Uhr erreiche ich Bad Düben. Endlich bin ich gesättigt. Hier gibt es eine Bäckerei, und die nette Bäckerin hat mir grade Backwaren verkauft. Deren Großteil habe ich verspeist.
Außerdem habe ich bei Schlecker eine einzelne Rolle graues, einlagiges Toilettenpapier für 1,50 € erstanden. Ein Euro und fünfzig Cent. Eineurofünfzig!!! 2 Rollen vierlagiges kosten nur 80 Cent. Ich werde bescheuert, aber das könnte eben genausogut am Pochen an der Darmwand liegen und deshalb kauf ich das verdammte Klopapier!

Der nachmittägliche Weg führt durch die Bad Dübener Heider, wo ich schlußendlich mein Zelt aufbaue, wobei die Taschenlampenbatterien den Geist aufgeben, ich mein Zelt also im Dunkeln aufbaue. Am nächsten morgen merke ich, als ich, frierend und mit klammen Fingern, das nasskalte Zelt zusammenrolle und verstaue, dass der Försterei-Bauwagen, in dessen Windschatten ich schlief, offen stand! Aber nein! Eine simple und hundertprozentig trockene Nachtstatt ist mir nicht verwegen genug! Ich nenne mich selbst einen Vollidioten und setze die Wanderung fort, bis die Sonne aufgeht.

Ich folge heute der B2 weiter bis Wittenberg, dass ich, um die Handlung mal ein wenig zu straffen, in den Abendstunden erreiche. Anfängliche geographische "Problemchen" hindern mich daran, zeitig das Zentrum zu erreichen, sodass ich an den Stätten, an denen mir ein Schlafplatz geboten werden könnte, niemanden vorfinde, zu spät dran oder zu wenig vermögend bin.
Traurig sitze ich auf dem dunkeln Marktplatz und lausche den Klängen des Saxophonsolos, das aus einem rötlich illuminierten Eckzimmer durch die Straßen schallt.
Meine letzte Hoffnung in Form eines Polizeiwagens fährt vorbei. Polizisten oder Punker sind die einzigen, die in ausweglosen Situationen noch eine Möglichkeit im Ärmel haben. Und Punker habe ich bereits verzweifelt gesucht.
Die Polizisten beschreiben mir, wie ich zum Träucheler Weg (oder so ähnlich) - dem Nachtasyl der Diakonie - komme. Nach einer etwa einstündigen Wanderung durch Wittenberg, und einem zweimaligen Auf und Ab entlang des (4 gefühlte Kilometer langen) Träucheler Weges (oder so ähnlich) finde ich das unscheinbare Gebäude. Nach der Kopie meines Personalausweises und der Belehrung, dass, sollte eben keine Kulanz gewaltet lassen werden gehabt haben sein, dann würde eine Rechnung über 6 Euro an meine Heimatadresse geschickt. Daraufhin werde ich zu meinem Bett geführt und darf schlafen, bis 6 Uhr am nächsten Morgen. Toll. Ich bin begeistert, ich habe ein Bett, weil ich eins brauche. Es fühlt sich etwas komisch an, wieder sozusagen von den Spendengeldern anderer Leute zu profitieren, gerade wenn man eigentlich nicht von Haus aus ein Bedürftiger ist. Das schlechte Gewissen verflüchtigt sich aber ziemlich. Nicht nur, weil ich ziemlich müde bin, sondern auch, weil die übrigen drei Betten in diesem Raum völlig leer sind. So bewahre ich die Einrichtung vielleicht eher vor der Schließung, als dass ich ihr schade.

Ich muss das hier abkürzen, das wird ja ein Roman.

Am nächsten Tag rekapituliere ich die letzten drei Tage und weiß, dass Wandern bei diesen Witterungsverhältnissen Unsinn ist. Zumindest für mich und meine Konstitution. Ich trampe innerhalb von zwölf Stunden von Wittenberg über Potsdam, Magdeburg, Hannover, Hamburg, Lübeck und Rostock nach Greifswald. Da bin ich jetzt und da guck ich jetzt mal. Mir geht es gut.

Auf Wiedersehen!

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Schnellspurt zur aktuellen Situation

Da es offensichtlich etwas albern wirkt, wenn ich die ganze Zeit von längst vergangenen Geschehnissen berichte, kürz ich das ganze etwas ab, um schnell wieder up to date zu sein.

Die Reise nach Berlin

Vom Grenzturm aus wandere ich bis Morsleben, von wo aus ich wiederum innerhalb von 2 Tagen über Magdeburg nach Berlin trampe.

Berlin

Am Vorabend ihres Geburtstages klingle ich bei Eva an der Tür und sorge für eine ordentlich gelungene Überraschung. Die nächsten 2 Wochen verbringe ich fast ausschließlich mit und bei Eva. Ich mache, was man in Städten so macht: Herumziehen, lange aufbleiben, lange ausschlafen, trinken ... versacken eben. Obwohl ich irgendwie auch Spaß habe, fühlt es sich nicht ganz richtig an. Demzufolge bin ich auch ganz froh, als ich am 26. September Berlin verlasse, und zwar im Zug Richtung Halle/Saale, wo ich engagiert bin, Desi beim Einzug zu helfen.

Halle - Leipzig - Halle

Von Halle aus besuche ich ein geniales Konzert von Tarentatec und Celan in Jena. Am folgenden Wochenende soll ich wieder bei einem Umzug helfen, der Max zieht nach Leipzig. Ich fahr bereits einen Tag früher und erlebe das noch unglaublichere Konzert von Schnaak und den amerikanischen Kayo Dot. Am Wochenende gibts ein schönes Wiedersehen mit Lukas und Max und eben einen Umzug. Ich bleibe noch ein paar Tage länger bei Max, Max und Florian in der WG, weil es mir bei ihnen, in dieser wundervollen Stadt Leipzig, so gut gefällt. Dann allerdings fahre ich erneut zurück nach Halle, wo mein ganzes Gepäck noch lagert.
Übrigens, in Sachsen-Anhalt beginne ich so richtig mit der Straßenmusik, dem eigentlichen Aufhänger dieser Reise. Ich werde selbstsicherer und besser. Ich hab mich auf einen Stundenschnitt von etwa 10 Euro eingependelt, was ich eigentlich ziemlich in Ordnung finde.
Nun ja, nun reicht es wirklich mit der Seßhaftigkeit, ich bin im Begriff nach Leipzig aufzubrechen, noch einmal bei den Jungs vorbeischauen und dann schnurstracks nach Greifswald...Mal schaun wie lange der Winter braucht um mich zu brechen.

So, nach diesem unmotiviert formulierten Zeitraffer-Blogeintrag hoffe ich, dass jetzt alle zufrieden sind. Der nächste Eintrag wird etwas auf sich warten lassen, denn ich muss erstmal wieder etwas erleben.

Au revoir!

Unterwegs nach Leipzig

Also, wer das Prinzip noch nicht verstanden hat: Die Überschrift eines Eintrages hat nichts mit dem Eintrag selbst zu tun, sondern lediglich mit dem Ort des Geschehens. Im folgenden Text geht es also weder um Halle noch um Leipzig. "Unterwegs" passt, aber das war es dann auch schon.

Wir schreiben also Samstag, den 5. September 2009. Ich erreiche Lehndorf, Braunschweigs ersten Vorort gegen 12:15 Uhr. Irre weiter durch Bezirke Braunschweigs und konstatiere: "Wenn sich hier nicht irgendwo noch eine Altstadt verbirgt, ist Braunschweig abgrundtief hässlich" Es gibt aber eine Altstadt, in der ich am Nachmittag Gregor Gysi bei einer Wahlkampfveranstaltung höre. Hier lerne ich auch Daniel, einen Skinhead aus Königslutter und Becks, einen Braunschweiger Punker kennen. Gemeinsam mit Becks erforsche ich also Braunschweig bei Nacht, wir gehen zum Abschiedskonzert der "Tanzenden Kadaver" und trinken Bier. Ich darf auf dem Bauwagenplatz, auf dem auch Becks wohnt, im Gästewagen übernachten.

Hier bleibe ich zwei Nächte (durgehend fürchterliches Wetter!), um am 7. September, einem Montag, wieder aufzubrechen. Um kurz nach 10, kurz hinter Braunschweig, raste ich ein erstes Mal und verspeise ein mäßig leckeres Laugenbrötchen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, ich schwitze wie bekloppt. Endlich erreiche ich einen schattigen Wald.

Nach einiger Zeit des Wanderns habe ich ordentlich schlechte Laune, da ich gezwungenermaßen nach Norden marschiert bin. Das Gepäck nervt, ich habe Hunger und nichts zu essen, Schmacht, und keine Zigaretten. Fürchterlich. Ich sitze an der Autobahnausfahrt Scheppau und habe keine Lust mehr. Die Sonne knallt als gäbs kein Morgen mehr.

Irgendwann komme ich in Bornum an und raste auf dem Friedhof. Die Friedhöfe sind meine liebste Heimat. Ruhe, frisches Wasser, die Verbindung zwischen Natur und Gesellschaft und das gleichzeitige Eintauchen in die vielleicht persönlichste Geschichte des Ortes. Dies scheint eine junge Gemeinde zu sein. In Bornum ist noch viel Platz zum Sterben.

Nach einem Gewaltmarsch erreiche ich Königslutter am Elm, wo ich hoffe, den gestern kennen gelernten (grammatikalische Abgründe tun sich auf - mir solls recht sein) Daniel erreichen zu können. Tja, Fehlanzeige.
Der Mond ist aufgegangen und klebt dick und golden über Königslutter, der Stadt, die mich enttäuscht hat. Kein Daniel, keine Bahnhofsmission (zumindest nicht am Bahnhof), keine Bleibe. So liege ich denn matt, mit schmerzenden Gliedern und Füßen auf einer kleinen Grünfläche nebenden öffentlichen Toiletten am Bahnhof... Vielleicht hätte ich gern einen Hund.
Später schlafe ich im Park hinter einer katholischen Kirche.

Der nächste Tag ist Tag 26 meiner Reise, ein Dienstag. Ich habe vor, heute die deutsch-deutsche Grenze zu erreichen, beziehungsweise, rein in die DDR. Schnell erreiche ich Helmstedt, nachdem mich ein freundlicher, autoteileausliefernder Rentner aufsammelte und ein Stück mitnahm. Nun sitz ich unter einem Baum, freue mich auf mein ungesundes Frühstück (Cola light und Schokolade von LIDL) und fertige eine nutzlose Liste mit Pro- und Kontra-Argumenten zu Ausbildung und Studium an. Ergebnis: Unentschieden. Na toll.

Gehe von Helmstedt nach Bad Helmstedt, von wo aus ich wiederum einem designierten Wanderweg folge und an einer total verfallenen Hütte ankomme. Es hängen noch alte Plakate dran. "Was tun, wenn der Wald brennt" und "Folgen des Waldsterbens"
Waldsterben. Auch so ein Begriff, der sich überdauert hat. Kann mir schwer vorstellen, dass das Problem nicht mehr existiert. Bloß das Interesse.

Nach mehr und mehr ziellosem Herumirren im Wald stoße ich auf eine Schnellstraße, exakt an der Grenze vom Landkreis Helmstedt zum Landkreis Börde. Bin ich in die DDR gekommen, ohne es zu merken? Das wäre eine schöne Symbolik für ein wieder vereinigtes Land...
Ich dreh mich nach links und sehe einen verfallenen Grenzturm. Hehe. Das wars dann wohl, obwohl dem Turm auch eine gewisse Symbolkraft inne wohnt. Er ist total kaputt, alle Fenster sind zerschlagen. Ich mache Fotos und Pause.



So. Pause auch hier. Jetzt bin ich schon fast up to date. Bis dahin.

Montag, 12. Oktober 2009

Halle an der Saale 2

So, ich muss hier wirklich einiges aufholen, in der Überschrift steht Halle an der Saale und im Text Hannover. Ich fasse mich kurz.

In Hannover bekomme ich also Obdach im Verbindungshaus der Verbindung von Philipp und erlebe prompt einen unvergesslichen Abend mit (in erster Linie) Bier, aber auch einer sogenannten Spontankneipe samt Schärpen, Degen, Blödsinn, Studentenliedern aus alten, viel viel besseren Zeiten und so weiter.

Am 2. September, nach drei Nächten in Hannover mache ich mich wieder auf die Socken. Leider etwas zu spät und etwas zu langsam, sodass ich es nicht schaffe, Hannover zu verlassen und im Gebüsch um einen stillgelegten Steinbruch abseits des Gewerbegebietes nächtige.

Ich erwache erstaunlich ausgeruht. Kurz vor Lehrte pausiere ich aus Kotgründen und registriere, dass der Herbst einsetzt. Ungemütlich.
Ich beginne, zu vereinsamen. Beim stundenlangen Wandern durch das flache Niedersachsen und seine Maisfelder bleibt mir Zeit für die dümmsten und klügsten Gedanken. Alles beginnt, gleich auszusehen. Alles beginnt, sich gleich anzufühlen. Ein Trott, dem ich mit gutem Willen begegne, den ich aber freudlos ausführe. Kann es nicht erwarten, endlich in Berlin anzukommen. Nach der guten Erfahrung des Trampens nach Hannover ist die Versuchung nach Berlin zu trampen groß, aber ein letzter Rest Ehre sträubt sich in mir. Es geschieht nichts.

Ich beginne mit Planungen für meinen späteren Garten. Ja, neben den Ideen Bauwagen und/oder Hausboot möchte ich auch einen Garten. Er soll aus einem Obst-, einem Gemüse- einem Kräutergarten bestehen. Obstsorten könnten sein: Apfel (eine bißfeste, weiße Sorte), Pflaumen, vielleicht eine Birne, Brombeeren natürlich, aber auch Erdbeeren und Himbeeren, Weintrauben wären toll und vielleicht ein Kirschbaum. Der Gemüsegarten enthielte dann Tomaten, Zwiebeln (am liebsten die roten), Kartoffeln, Bohnen und Salat. Mais nicht. Ich kann keine Maispflanze mehr sehen, ich sehe ja jeden Tag Tausende. Der Kräutergarten wiederum würde beinhalten: Schnittlauch natürlich, Petersilie, Basilikum, Dill, Thymian, Minze, (Zitronen)Melisse und Rosmarin vielleicht. Oder Salbei. Ich hab natürlich überhaupt keine Ahnung vom Gärtnern und Pflanzen, bin nur inspiriert von den Obstgärten, die ich so passiere, und aus denen ich mir immer Äpfel, Pflaumen und Birnen mopse. Außerdem hatte ich auch keine Ahnung vom Wandern, bevor ich los bin und das klappt ja ganz gut.

Ich nächtige im Hainwald in Hämelerwald und erwache am nächsten Morgen ebenda. Kaum noch Wasser, kaum Brot, kaum Geld. Heute will ich mindestens bis Peine (noch 14 km), noch lieber so weit, dass ich schon morgen in Braunschweig sein kann (noch 41 km)
Gegen 11 Uhr morgens erreiche ich Peine und stille meinen Hunger mit 2 Äpfeln aus einem der vielen Gärten. Nehme mir zwei weitere Äpfel für später. Alles, was mir zu meinem Glück noch fehlt, ist ein Wasserhahn. Hoffentlich gibts hier einen Friedhof.
Erreiche Peine Innenstadt und bin erstaunt: Ein schönes Städtchen! Ich scheine bedürftig auszusehen und bekomme von ebenfalls bedürftig aussehenden Menschen 3 Euro zugesteckt. Juhu! Ich kaufe mir Wasser und Brot. Lecker lecker. Der Bäcker Seidel aus Peine backt sehr leckeres Brot.

Den Rest des Tages verbringe ich mit Wandern und Denken (führt zu nix - deprimierend!) bist ich es mir in einer kleinen Laube im Wald von Fürstenau "gemütlich" mache. Es sieht nach Regen aus.

Ich erwache, es ist Samstag, der 5. September. Innerhalb kürzester Zeit (4 Stunden) marschiere ich trotz des Mistwetters zügig entlang der B1 nach Braunschweig.

Hier endet dieser Eintrag, ich habe Hunger. Man goutiere jedoch meinen guten Willen mit dem Blog irgendwann wieder aktuell zu sein. Mucho amore, bis bald!